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Nov
05
2019

Lotte Tobisch − Eine Frau mit Eigenschaften


Ein Nachruf von Michael Fritthum

 

Am Abend schätzt man erst das Haus.
Goethe, Faust

 

Ihr, der 1926 in eine adelige Großbürgerfamilie in Wien Geborenen, war von Anbeginn ihres Bewusst-Seins das in der Tradition bloß Erwartete unerträgliche Last. So brach das »unmögliche Mädchen« zu aller Entsetzen bereits im Alter von 17 Jahren mit Elternhaus, Schule und »standesgemäßer« Konvention. Brechen, um auf ihrer Suche nach neuen Wegen nicht unterbrochen zu werden, wurde zur richtungsweisenden Strategie. Schien ihr ein Weg gangbar, hatte sie stets den Lebensmut, ihn einzuschlagen, sowie das Quäntchen Glück, ihn bis zum Ende gehen zu können. Und wenn sie keinen fand, schuf sie sich einen im Wissen, dass Wege bereits durchs Gehen entstehen. So begann die Suche des nicht glücklichen Einzelkindes nach einer neuen glücklicheren Zukunft, die sie als junge Frau im Theater fand.

Um in diese Welt zu gelangen, belegte Lotte Tobisch 1943 Abendkurse am Wiener Konservatorium Horak, dessen Leitung sie bereits im selben Jahr für ein Stipendium an einer der großen Schauspielschulen vorschlug. Kein Geringerer als der große Burgschauspieler Raoul Aslan nahm sich ihrer als Privatlehrer an. Doch der Traum des Theaters wich allzu bald dem politischen Albtraum des »Totalen Krieges«, der auch diese Scheinwelt im Schein der Flammen untergehen ließ. Das, was Lotte Tobisch am Anfang ihrer Laufbahn vom Ende ihrer Jugend in Erinnerung blieb, ist, wie sie mit Aslan inmitten der sie umgebenden Trümmer des zerbombten Wiens vor der brennenden Oper stand.

Die Brände wurden gelöscht und die zerstörten Häuser von Schutt und Trümmern befreit. Bei der Wiedereröffnung des Burgtheaters im Ronacher am 30. April 1945 − Aslan war Direktor des Ersatzhauses in der Himmelpfortgasse geworden − feierte Lotte Tobisch als Blumen streuendes Mädchen in Grillparzers Sappho ihr wortkarges Burgtheaterdebüt. Doch es wäre nicht Lotte Tobisch, wenn sie sich nicht in ihren nächsten Rollen Gehör verschafft hätte. Als Thekla sprang sie in Nestroys Mädl aus der Vorstadt erfolgreich ein, im Juni spielte sie eine von Jedermanns weiblichen Tischgesellen, im September die Königin Anna in Scribes Ein Glas Wasser und im Dezember trat sie bereits als engagierte Burgschauspielerin im Akademietheater auf.

Die berufliche Begegnung mit Erhard Buschbeck, damals erster Dramaturg am Haus, sollte zu einer alles entscheidenden Lebensbegegnung werden. Für die Liebe zu dem 37 Jahre Älteren gab sie ihre Karriere an der ersten Bühne des deutschen Sprachraums freiwillig auf. Sie hatte beide Lebensschritte nie bereut.

Nach 13 erfüllten Lebensjahren − Erhard Buschbeck war 1960 verstorben− kehrte sie ans Burgtheater zurück, wo sie von 1962 bis 1987 als Schauspielerin wirkte. Im selben Zeitraum hat sie sich auch als Betriebsrätin für das Wohl anderer engagiert.

Als Robert Jungbluth sie 1980 mit der Leitung des Wiener Opernballs betraute, erhielt die leidenschaftliche Nichttänzerin die Möglichkeit, andere nach ihren Vorstellungen »tanzen« zu lassen. Das bedeutete für Lotte Tobisch jedoch nicht die Selbstverwirklichung von Standesdünkel, sondern die Verschmelzung von Noblesse mit bodenständigem Gerechtigkeitssinn. So sagte sie alljährlich den jungen Damen und Herren des Eröffnungskomitees: »Einen Abend lang sollt ihr Prinz und Prinzessin spielen«, um hinzuzufügen: »Ich sagte spielen und nicht sich einbilden, etwas Besseres zu sein!«

Nichts Menschliches ist ihr in den 15 Jahren ihrer Ballleitung fremd geblieben. Sie hat die absonderlichsten Extrawünsche notiert und widerstand raffiniertesten Bestechungsversuchen. Über die Besorgnis der Wiener »Snobiety«, dass die Käufer der 6000 zur Verfügung stehenden Ballkarten nicht fein genug wären, pflegte sie mit abgeklärtem Lächeln darauf hinzuweisen, dass es auf der ganzen Welt keine 6000 feinen Leute gibt.

Mit der Kür der noch amtierenden Leiterin des Wiener Opernballs zur Präsidentin von Künstler helfen Künstlern im Jahre 1995 war der Aktion ein großer Wurf gelungen, durch den aber auch Lotte Tobisch vielleicht das fand, was sie zeitlebens suchte: die Geborgenheit jenes Heims, das ihr als Kind nicht zuteilwurde. Durch die Erfüllung dieser Sehnsucht wurde das Künstlerheim in Baden und dessen Bewohner ihr Herzensanliegen in den verbleibenden 25 Jahren ihres Lebens.

Man hatte sie des Öfteren gefragt, ob sie nicht selber nach Baden gehen würde, worauf sie mit den Worten ihres großen Kollegen Michael Heltau zu antworten pflegte:

»Man weiß ja nie, was kommen wird, aber zu wissen, dass es das gibt und man dort immer willkommen sein wird, ist wunderbar beruhigend.«

Als es dann so weit war, fanden diese Worte ihre gelebte Realisierung.

Lotte Tobisch hat es ihren Mitmenschen nicht immer leicht gemacht − am wenigsten sich selbst. In einem gewissen Sinne kann sie, die Adelige zwischen linken und rechten Denkern, die großbürgerliche Dame unter Bohemiens, nur dialektisch verstanden werden. Zwei, vielleicht auch mehr, Seelen wohnten in ihrer Brust. Die Seele, die in ihrem Leben letztendlich immer wieder stärker als die anderen in Erscheinung trat, war jene, die den Wunsch hatte und den Willen zeigte, Gutes zu tun.

Sie hatte immer das Bestreben, dazuzulernen. Vielleicht deshalb, da sie, wie sie offenherzig zugab, in der Schule so wenig gelernt hatte. Mit Vorliebe verkehrte sie mit gebildeten, geistvollen Zeitgenossen, die ihre Gesellschaft schätzten und sich von ihr geschätzt wussten. Nicht nur einmal in ihrem Leben ist aus solch einer Begegnung das Geschenk gelebter Freundschaft geworden. Mit Theodor W. Adorno verband sie eine zutiefst menschliche Affinität, mit Ludwig von Ficker eine »Altersfreundschaft«, und mit Fritz Hochwälder teilte sie die Liebe zum Theater. Bruno Kreisky beglückte sie mit der »Tochter« ihres Hundes. Für Johannes Paul II. las sie im Rahmen der auf dem Heldenplatz 1983 zelebrierten Messe aus der Heiligen Schrift. Über den tiefen spirituellen Eindruck, den der Heilige Vater auf sie machte, wunderte sich die im Zweifel Suchende bis ans Ende ihrer Tage.

Im Laufe ihres Lebens entwickelte sich das »unmögliche Mädchen« von einst zu einer Frau mit Eigenschaften in einer Welt, die im Sinne Robert Musils, immer mehr zu einer Welt ohne Eigenschaften geworden ist. Schon allein deshalb wird sie mit ihrem Abgang uns Hinterbliebenen besonders abgehen.

 

Prof. Lotte Tobisch von Labotýn
1926–2019